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Krebs und die böse Pharmamafia

Ein Kommentar über die Behauptung, die Pharmaindustrie würde Krebsmedikamente zurückhalten, um Geld mit der Chemotherapie zu verdienen.


Hinweis: Dieser Artikel wurde bereits am 05.12.2019 zum ersten Mal auf einem anderen Blog-System, das ich eine Zeit lang genutzt habe, veröffentlicht. Hiermit übertrage ich den Artikel auf dieses Blog.


Offensichtlich gibt es nicht wenige Menschen, die ernsthaft daran glauben, dass uns Ärzte und die Pharmaindustrie wissentlich angeblich bereits existierende Medikamente, beispielsweise gegen Krebs, vorenthalten. Der folgende Text ist mein Kommentar zu diesem Thema und soll weder Beweise für noch gegen diese Theorie liefern.

Eine Diskussion, die mir in Erinnerung geblieben ist, ist jene mit einem Bekannten über eine Person, die an Leukämie erkrankt ist. Der Bekannte hat behauptet, dass es doch schon lange wirksame Medikamente gegen Leukämie und andere Krebserkrankungen gäbe, diese jedoch von der Pharmaindustrie zurückgehalten werden würden. Auf die Frage nach dem Warum, also dem angeblichen Sinn einer solchen Handlung, geben diese Leute meist dieselbe Erklärung ab: Die Pharmakonzerne wollen, dass wir krank sind, denn nur so können sie an den Medikamenten, in diesem Falle die Chemotherapie, verdienen. Im ersten Moment klingt das tatsächlich plausibel. Doch wenn der Sache etwas genauer auf den Grund gegangen wird, steckt keinerlei Logik dahinter. Also machen wir das einmal.

Behauptung: Die Pharmamafia hat bereits ein Medikament gegen Krebs, hält dies aber zurück

Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass es diese Behauptung in sich hat. Ob es nun unbewusst oder doch ganz bewusst geschieht: Wer diese Behauptung aufstellt, der unterstellt insgeheim auch sämtlichen Ärzten, Wissenschaftlern und allen anderen Menschen, die für Pharmakonzerne an neuen Medikamenten forschen, dass diese wissentlich Menschen sterben lassen, nur damit ihr Arbeitgeber Geld an Medikamenten verdienen und dass sie ihren Job behalten können.


Folgendes hypothetisches Szenario: Ein Mensch erkrankt an Krebs. Das einzige Medikament, das zurzeit nachweislich gegen Krebs wirkt, ist die Chemotherapie. Leider hat diese Behandlungsmethode schwere Nebenwirkungen und wird deshalb verständlicherweise gefürchtet. Ja, es stimmt, dass die Chemotherapie für die Pharmakonzerne ein gutes Geschäft ist. Wer danach googelt findet jede Menge mehr oder weniger seriöse Webseiten, die die Verdienste der entsprechenden Firmen anprangern.

Fast alle Menschen haben aus verständlichen Gründen Angst vor Krebs und klammern sich bei der entsprechenden Diagnose an jeden Strohhalm. Sicher einer der Gründe, warum Medikamente zur Behandlung dieser Krankheit entsprechend teuer verkauft werden können. Nun gehen wir mal davon aus, ein Pharmakonzern hätte ein wirkungsvolles Medikament gegen Krebs in der Tasche, ohne gefährliche Nebenwirkungen. Was denkst du, würde passieren? Genau, krebskranke Menschen würden sich auf dieses Medikament stürzen und der Pharmakonzern, der dieses entwickelt hätte, würde mit der Produktion wohl kaum nachkommen. Ein Milliardengeschäft, behaupte ich jetzt einfach mal. Ich glaube kaum, dass sich eine wirtschaftlich denkende Firma — und genau das sind Pharmakonzerne — diese Chance entgehen lassen und ein entwickeltes Medikament einfach in der Schublade verschwinden lassen würde.

Meine Erfahrung zeigt, dass auf diesen Einwand meist das Argument folgt, dass der Pharmakonzern, der dieses Medikament auf den Markt bringen würde und auch alle anderen, anschließend, wenn die Menschen erst mal gesund sind, viel weniger Geld verdienen würde, weil eine große Einnahmequelle weg wäre. Auch dieses Argument entbehrt jeder Logik. Denn auch hier zeigt die Erfahrung, dass Firmenbosse oft auf den schnellen Profit aus sind. Und ich behaupte jetzt mal, dass ein wirkungsvolles Medikament gegen Krebs, das zudem noch bedeutend weniger Nebenwirkungen aufweisen kann als die Chemotherapie, für einen sehr guten und schnellen Profit sorgen würde. Und wenn ein Unternehmen Profit machen kann, dann tut es das normalerweise auch.

Oder anders gefragt: Wenn ein Pharmakonzern ein Medikament nicht herausgeben will, weil er angeblich ohne dieses mehr Geld verdient: Warum sollte dieser Konzern überhaupt Geld in Forschungsarbeit investieren, um ein Medikament zu entwickeln von dem er im Voraus weiß, dass er es gar nicht auf den Markt bringen will? Denn was eigentlich alle, die diese Behauptungen aufstellen, vergessen: Medikamente sind nicht einfach da. Diese entstehen oft erst nach jahrelanger Forschung. Und diese kostet Geld. Viel Geld. Also nochmals: Warum sollte ein gewinnorientierter Konzern viel Geld in die Erforschung eines Medikaments investieren, wenn er ohnehin im Voraus weiß, dass er dieses in den Schubladen liegen lassen wird, weil bestehende Medikamente mehr Geld bringen?


Trotzdem: nehmen wir an, die Einnahmequelle Chemotherapie würde wirklich wegfallen. Grundsätzlich wäre dies für Pharmakonzerne wahrscheinlich ein eher kleines Problem. Es gibt noch genug andere unbehandelbare Krankheiten. Sobald der Krebs besiegt wäre, würde höchstwahrscheinlich eine andere Krankheit deren Platz der wohl gefürchtetsten Krankheit einnehmen.

Behauptung: Die Pharmaindustrie erfindet Krankheiten

Die zweite Behauptung, auf die ich immer wieder stoße, wenn es um die ach so böse Pharmaindustrie geht, ist, dass diese Krankheiten erst ein Medikament entwickeln und anschließend eine dazu passende Krankheit erfinden würde, um mit diesem dann Geld zu verdienen.

Auch dieses Argument entbehrt wieder jeder Logik. Es gibt so viele Krankheiten die (noch) nicht richtig oder gar nicht behandelt werden können, dass es noch mehr als genug Spielraum nach oben für die Entwicklung neuer Medikamente gibt, mit denen Geld verdient werden kann.

Impfpräventable Krankheiten würden mehr Geld bringen, wenn man nicht impfen würde

Als weiteres Beispiel können Impfungen genannt werden. Ja, ich weiß. Menschen, die behaupten, Pharmakonzerne würden Krebsmedikamente zurückhalten, sind oft auch Impfgegner. Trotzdem: Impfungen helfen und sind ungefährlich. Das ist hinreichend belegt, soll aber nicht Bestandteil dieses Artikels sein. Ich werde darüber in der Zukunft mal etwas schreiben.

Impfungen jedenfalls sind ein großer Erfolg. Sie sorgen dafür, dass eine Krankheit erst gar nicht ausbricht. Und oftmals wäre es für Pharmakonzerne profitabler, den Impfstoff nicht zu entwickeln, sich die Forschungskosten zu sparen und die Krankheit einfach zu behandeln, sobald diese ausbricht. Und trotzdem entwickeln Pharmakonzerne Impfstoffe, an denen sie weniger verdienen. Das Argument Gewinnmaximierung allein reicht also nicht aus, die Behauptung, die Pharmaindustrie würde Krebsmedikamente zurückhalten, zu untermauern.

Krebsmedikamente nur für die Eliten

Etwas weiter oben habe ich geschrieben, dass Pharmakonzerne wohl kaum an Medikamenten forschen würden, wenn sie doch ohnehin wissen, dass sie diese in der Schublade verschwinden lassen würden. Dem kann man noch entgegnen, dass die Forschung trotzdem vorangetrieben werden würde, um zumindest Krebsmedikamente für die oberen 10.000, oder „die Eliten“, die sie von Verschwörungsmythikern gerne genannt werden, parat zu haben. Beziehungsweise für die Firmenchefs. Dabei stoßen wir aber auf ein weiteres Problem. Forschung betreibt sich nicht von selbst. Jede Firma benötigt dafür Mitarbeiter. Und davon nicht wenige. Daraus folgt: Je mehr Mitarbeiter an etwas eigentlich geheimen arbeiten, um so höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Ganze irgendwann auffliegen wird. Und das würde es irgendwann.

Dazu gibt es sogar eine Formel. 2016 arbeiteten etwa 711.000 Mitarbeiter bei den acht größten Pharmaunternehmen. Und die würden früher oder später mitbekommen, dass da Medikamente entwickelt werden, die zurückgehalten werden. Im Falle von zurückgehaltenen Krebsmedikamenten würde es nicht einmal vier Jahre dauern, bis der erste Mitarbeiter (anonym) an die Öffentlichkeit treten würde. Whistleblower nennt man solche Leute heutzutage. Würden also tatsächlich Krebsmedikamente zurückgehalten werden, wir würden schon lange davon wissen. Beispielsweise ist der NSA-Skandal auch aufgeflogen.

Kinder sterben lassen für den Profit?

Ein letzter Punkt möchte ich noch anbringen. Wird die Aussage “Pharmakonzerne halten Krebsmedikamente zurück” weitergedacht wird, stößt man unweigerlich auf die Tatsache, dass auch Kinder an Krebs sterben. Das heißt, dass sämtliche Mitarbeiter in Pharmakonzernen dieses Kindersterben unterstützen würden. Personen, denen der Tod von Kindern egal ist, sind wohl eher in der Unterzahl. Bei der Zahl an Menschen, die für Pharmaunternehmen arbeiten, ist es sehr wahrscheinlich, dass früher oder später jemand von solchen Machenschaften erfahren und diese an die Öffentlichkeit bringen würde. Schließlich würden zumindest jene Menschen, die ein Medikament entwickeln bzw. einen guten Wirkstoff entdecken, merken, dass ihre Entdeckung zurückgehalten wird und mit der Zeit skeptisch werden.

Fazit

Die Behauptung, die Pharmaindustrie würde Medikamente zurückhalten, um damit Geld zu verdienen, entbehrt jeglicher Logik. Ebenso besteht kein Bedarf, Krankheiten zu erfinden. Egal, wie man es dreht und wendet, beide Aussagen ergeben keinen Sinn. Also bringt es auch nichts, diese weiter zu diskutieren.

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