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Chemie ≠ Gift: Ein Plädoyer für die Chemie

Mit Bedauern habe ich festgestellt, dass das Wort Chemie immer öfter als Synonym für Gift missbraucht wird. Oft sicherlich auch einfach nur durch Unwissenheit. Das ist schade. Denn: Chemie ist toll!

Hinweis: Dieser Artikel entstand im Zuge des ScienceBlogs-Schreibwettbewerbs 2016, durchgeführt von Florian Freistetter auf seinem Blog Astrodicticum Simplex. Der Wettbewerb ist nun abgeschlossen. Mein unten stehender Beitrag erzielte von 65 teilnehmenden Texten den 18. Platz. Hier noch der Link zum Original-Artikel auf ScienceBlogs.de. Dort kann auch die entstandene Diskussion nachgelesen werden, die über 90 Kommentare ging.

Sie bestimmt unser Leben. Ohne sie wäre nichts von all dem, was wir kennen, möglich, es hätte kein Leben auf unserem Planeten entstehen können, wir könnten keine leckeren Gerichte kochen und nicht einmal uns Menschen gäbe es.

Chemie in der öffentlichen Wahrnehmung

Keine Chemie in unserem Essen!

So, oder so ähnlich, ist es immer wieder auf Plakaten und auf Facebook bei politischen Parteien und Umweltschutzorganisationen zu lesen. Doch dieser Satz ist irreführend. Meistens ist dann nicht von Chemie, sondern von Gift die Rede. Das ist mir durchaus klar. Und natürlich ist es gut, nicht alles zu glauben und kritisch zu hinterfragen. Aber ich schweife ab. Schade am oben genannten Satz ist, dass die Chemie immer mehr als etwas böses angesehen wird. Als etwas ungesundes, das uns schaden kann. Doch dem ist nicht so.

Kein Leben ohne Chemie

Nahrungsmittel ohne Chemie sind nicht möglich. Alles, was wir zu uns nehmen, konnte erst durch chemische Prozesse entstehen. Nehmen wir zum Beispiel Wasser. Dabei handelt es sich um einen chemischen Verbund aus zwei Teilen Wasserstoff und einem Teil Sauerstoff. Wasser ist in beinahe allem, was wir täglich essen. Und in unseren Getränken sowieso. Wenn wir uns ein Bier aufmachen, so genießen wir ein Getränk, das erst durch Gärung so werden konnte, wie wir es gerne mögen. Auch Wein entsteht, wie wir alle wissen, durch Gärung. Wikipedia schreibt zur Gärung folgendes:

Die alkoholische Gärung (Synonym Ethanol-Gärung, ethanolische Gärung) ist ein biochemischer Prozess, bei dem Kohlenhydrate, hauptsächlich Glucose, unter anoxischen Bedingungen zu Ethanol („Trinkalkohol“) und Kohlenstoffdioxid abgebaut werden.

Klingt kompliziert. Mit anderen Worten: die alkoholische Gärung ist ein chemischer Prozess, bei dem Alkohol und Kohlensäure entsteht. Wenn wir nun also “Lebensmittel ohne Chemie” fordern, so sollten wir bedenken, dass wir dann an schönen Sommerabenden beim Sonnenuntergang auch kein herrlich gekühltes Bier mehr zu uns nehmen dürfen. Und das wäre doch überaus schade, oder?

Auch wenn wir in der Küche stehen und kochen, betreiben wir im Grunde nichts Anderes als ein Chemielabor. Beim Kochen wird das das Gekochte durch die hohe Temperatur im Wasser chemisch verändert. Erst dadurch wird vieles für uns genießbar. Noch anschaulicher ist das Backen eines Kuchens. Jeder von uns kennt diesen Vorgang: Die verschiedenen Zutaten, meistens Mehl, Zucker, Eier und mehr, werden zu einem Teig geknetet. Je nach Art und Menge der Zutaten kommt dabei ein anderer Teig heraus. Die verschiedenen Zutaten vermischen sich und reagieren untereinander. Oft brauchen wir auch noch Hefe zum Backen. Die Hefe wird in den noch warmen Teig gegeben und dieser an einen warmen Ort gestellt. Nach einer gewissen Zeit beginnt der Teig aufzugehen. Auch hier ist wieder eine chemische Reaktion dafür verantwortlich, dass der Teig aufgeht. Zum Schluss kommt der Teig in den Backofen und wird bei ca. 200°C gebacken, sagen wir 30 Minuten. Die Hitze im Backofen führt dazu, dass im Teig chemische Reaktionen ausgelöst werden. Diese sorgen dafür, dass wir am Ende einen wohlschmeckenden Kuchen dem Backrohr entnehmen und genießen können. Sofern wir nicht vergessen auf die Uhr zu schauen. Denn dann könnte es sein, dass unser Chemieexperiment verbrennt. Dann haben wir zwar auch eine chemische Reaktion ausgelöst, aber nicht die, die wir eigentlich haben wollten.

Die Verbrennung von Holz. Eine chemische Reaktion.
Die Verbrennung von Holz. Eine chemische Reaktion. (Quelle: Wikipedia)

Schlussendlich möchte ich auch noch den Menschen selbst als Beispiel anführen. Wir Menschen sind wahre Wunder der Natur. Auch chemisch gesehen. Unser Körper ist eine einzige große Chemiefabrik. Der vorher verspeiste Kuchen, der gerade eben noch im Backrohr war, wird in unserem Magen durch chemische Prozesse zersetzt und in seine Einzelteile zerlegt. Immer kleiner und kleiner. So lange, bis die einzelnen Nährstoffe ins Blut aufgenommen und im Körper verteilt werden können. Dort angekommen, bedient sich unser Körper, wer hätte das gedacht, schon wieder chemischen Reaktionen, um die im Magen gewonnenen Nährstoffe zu verwerten und eventuell wieder chemisch zu verändern und für uns verwertbar zu machen.

Chemie ist toll!

Wie du siehst, bestimmt die Chemie unser Aller Leben. Darum wäre es überaus schade, wenn diese wunderbare, hoch interessante Naturwissenschaft den Ruf einer notorischen Giftmischerei aufgedrückt bekommt. Schon jetzt ist es so, dass die Menschen automatisch an giftige Dinge denken, wenn das Gespräch auf die Chemie gelenkt wird.

Hört bitte auf, das Wort Chemie als Synonym für Gift zu missbrauchen.

Ich fände es wirklich bedauernswert, wenn sich der Begriff Chemie, noch mehr als ohnehin schon, als Inbegriff der Giftigkeit etabliert. Deshalb lasst uns aufhören, sie als etwas Böses anzusehen. Wenn due wieder einmal Freunde, Bekannte oder Verwandte über “die Chemie” schimpfen hörst, weise sie darauf hin, worum es sich dabei wirklich handelt: Eine interessante Wissenschaft! Es macht Spaß sich mit den chemischen Vorgängen in der Natur zu befassen. Das Verständnis darüber, was alles in der Natur um uns herum passiert, macht diese noch viel faszinierender. Und je mehr wir über die Natur erfahren, desto schützenswerter erscheint sie uns. Und die Chemie hilft uns dabei.

Chemie ist großartig!

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